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  The turn of the screw von Benjamin Britten, September 2013, Müller`sches Volksbad, München
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Interview mit dem Regisseur Andreas Wiedermann
Quelle Süddeutsche Zeitung

Wasser in der Nase
Mit Mozarts 'Idomeneo' feierte das Ensemble Opera Incognita im Müllerschen Volksbad Erfolge. Nun kommt dort Brittens 'The Turn of the Screw' zur Aufführung - eine feuchte Angelegenheit
Interview: Rita Argauer

Mit dem nahen Herbst findet Benjamin Brittens Schauergeschichte 'The Turn of the Screw' in wallenden Nebelschwaden auch ein äußerliches Pendant. Am Samstag feiert das Ensemble Opera Incognita um Regisseur Andreas Wiedermann und den Musiker und Komponisten Ernst Bartmann mit der Oper von 1954 Premiere. Zu Brittens 100. Geburtstag haben sie - nach Mozarts 'Idomeneo' vor drei Jahren - erneut das Müllersche Volksbad als Spielort gewählt. Schon der Bestuhlungsplan wirkt absurd: Mittig dominiert das Becken der Damenschwimmhalle, das Orchester findet sich auf der Empore, gespielt wird am Beckenrand und im Wasser, das Publikum sitzt außenrum. Die viktorianische Gruselgeschichte um ein Geschwisterpaar, das mehr und mehr in den Bann zweier Geister gerät, wird in die Zeit des Fin de Siècle versetzt: Der Pomp der damaligen Seebäder findet sich in der Jugendstil-Umgebung des Volksbads, die Inszenierung bleibt der erzählten Zeit in Kostümen und Ausstattung treu.

SZ: Ihr letztes Projekt 'La Boheme' fand ganz klassisch im Nymphenburger Hubertussaal statt, mit Benjamin Brittens 'The Turn of the Screw' bespielen Sie nun zum zweiten Mal das Müllersche Volksbad. Worin liegt der Reiz des Orts?

Andreas Wiedermann: Irgendwo ganz klar im Abenteuer. Und zudem haben wir als freies Ensemble ja keine Möglichkeit, große Bühnenbilder für unsere Stücke aufzubauen. Das heißt, wir müssen immer mit dem bestehenden Raum arbeiten. Und das sollen keine Räume sein, die traditionell passen. Wir suchen Räume aus, durch die an sich schon eine Geschichte erzählt wird. Der Raum wird zum Bühnenbild.

Ein Jugendstil-Bad als Kulisse?

Es ist so, dass wir die Szenerie von 'Turn of the Screw' aus dieser Landhaus-Umgebung herauslösen und das Bad wirklich als Jugendstil-Bad bespielen. Wir behaupten nicht, dass es das Landhaus sei, sondern die Gouvernante trifft die Kinder am Badetag. In einem englisches Seebad der Nullerjahre des letzten Jahrhunderts.

Wie hängt das mit dem Setting von 'The Turn of the Screw' zusammen?

Es gab mehrere Überlegungen. Inhaltlich argumentiert ist es so, dass aus dem Wasser die Geister kommen. Die Geister sind in unserer Version auch im Wasser gestorben. Und wie man das so kennt von Geistern, müssen natürlich die dort spuken, wo sie zu Tode gekommen sind. Dementsprechend hat das Wasser die Bewandtnis, dass die Geister dort wohnen und auch versuchen, die beiden Kinder in dieses Wasser zu ziehen. Das Wasser hat gleichzeitig auch eine, im wahrsten Sinne des Wortes, feucht-schlüpfrige Bedeutung. Denn es geht ja auch sehr um versteckte Erotik und verdrängte Sexualität. Das Wasser ist auch Ort der Sünde und der Schuld. Und dann gibt es Figuren wie die alte Amme, die bewusst das Wasser meiden oder gar nicht schwimmen können. Die Beziehung zum Wasser erzählt etwas über die Charaktere.

Aber Sänger können nicht gleichzeitig singen und schwimmen, oder?

Doch, sie tun es. Es gibt eine Szene, in der die Sänger im Wasser liegen, aber vom Chor gestützt werden. Und sie müssen punktgenau auftauchen, damit sie den Einsatz wieder bekommen und nicht gerade Wasser in der Nase haben. Das ist auch eines unserer Konzepte: Bei uns kommt sehr wenig von der Dekoration und sehr viel vom Spieler. Unser Ansatz war schon immer, die Möglichkeiten von Singen und Spielen und auch die physische Belastbarkeit der Sänger auszuloten. Wir haben letztes Jahr eine Nummer im Zirkus gemacht, da haben die Sänger Arien gesungen und gleichzeitig jongliert. Wir testen die Belastbarkeit unserer Sänger und es ist erstaunlich, wie viel geht.

Ist der Übergang vom Probenraum zum Spielort dann nicht schwierig?

Ja. Das beginnt schon beim Ensemble. Man muss natürlich Leute casten, die bereit sind, sich so etwas anzutun. Man braucht ein Ensemble, das dieser Sache gewachsen ist und das auch nicht nach der ersten Probe abreist, weil es nicht funktioniert. Es ist aber so, dass diese Räume, dadurch dass sie anfassbares Material sind, einen viel größeren Einfluss haben. In diesem Fall ist das wirkliches Wasser, und das in Mengen, die man auf keine Bühne kippen kann. Da gibt es Widerstände, angefangen bei der Geräuschkulisse: Wenn ins Becken gesprungen wird, ist ständig dieses Wasser-Geräusch hörbar, was aber zum Teil der Musik wird.

Gerade im Bezug auf die Musik: Wie ist das mit der Akustik? Ein gekachelter Raum hallt doch ziemlich?

Der Raum ist natürlich etwas überakustisch, aber das ist beherrschbar. Gerade für diese irrlichternde Musik von Britten passt das perfekt. Das ist ja oft in wabernden oder eher undefinierten Strukturen komponiert, die auch dieses Geisterhaft-Nebulöse ausdrücken. Also für Britten ist die Raumakustik eigentlich ganz wunderbar.

Wie bekommt man die Genehmigung an Orten wie dem Müllerschen Volksbad eine Oper zu inszenieren?

Einfach ist das in einer Stadt wie München natürlich nicht. Man muss an die richtigen Leute kommen. Hier in dem Bad war aber es dann doch erstaunlich leicht. Als wir vor drei Jahren 'Idomeneo' dort gemacht haben, waren die zuständigen Kräfte so begeistert, dass das dann offenbar kein Problem war. Und es wurde tatsächlich auch gewünscht, noch einmal dort zu spielen. Aber wir wollten nun eine ganz andere Szenerie schaffen als vor drei Jahren. Deshalb haben wir auch ein Stück gewählt, dass 200 Jahre jünger ist.

Und warum dann ausgerechnet 'The Turn of the Screw'?

Es sollte eine Kammeroper sein, die Kammeropern von Britten entsprechen genau unserer Besetzung mit einer Orchesterstärke von 13 Musikern. Und 'The Turn of the Screw' gilt unter den Kammeropern schon auch als Brittens Meisterwerk.

Was hat Sie inhaltlich interessiert?

Zum einen, dass es eine Schauergeschichte ist, die wir wunderbar mit dem Schwimmbad kurzschließen konnten. Das Horrorgenre ist ja doch recht ungewöhnlich in der Oper. Das ist mehr ein Filmthema. Dass Geister oder auch besessene Kinder Protagonisten einer Oper werden, das ist für ein Opernszenario so selten, dass es uns gereizt hat. Spannend ist auch, dass die Oper inhaltlich so irrlichternd ist, was sich im Thema von Schuld und Verdrängung spiegelt - und auch in der stillen Mittäterschaft. In einer Atmosphäre der verdrängten Auslebung kann das Böse seine Wurzeln schlagen. Wir haben uns da ein bisschen von Michael Hanekes Film 'Das weiße Band' inspirieren lassen, in dem die Verdrängung der Eltern zur Schuld der Kinder führt und was in der zeitlichen Einordnung vor dem Ersten Weltkrieg wiederum auch zu unserer Inszenierung passt.

'The Turn of the Screw', Samstag, 31. August. Weitere Vorstellungen: 4. bis 6. September sowie 8., 10. und 11. September. Müllersches Volksbad, Rosenheimer Straße 1


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