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Salzburger Pfingstfestspiele 2008: Die Opernpremiere
10. MAI 2008
Eine Buffa mit Kolorit: "Il matrimonio inaspettato" von Giovanni Paisiello. Die exklusive SN-Onlinekritik von Kulturredakteur Karl Harb.

SALZBURG (SN, Karl Harb). Wer sich mit der Musikgeschichte Neapels im 18. Jahrhundert beschäftigt, wird nicht nur auf offensichtlich überreiches Material stoßen. Das wird Riccardo Muti nicht müde zu betonen, der seit dem Vorjahr für das Programm der Salzburger Pfingstfestspiele zuständig ist und aus eben dieser reichen Musikkultur im Auftrag der Salzburger Festspiele Gustostücke in Oper, Oratorium und Konzert aufbereitet. Er wird auch - im Falle der Oper - mit einer Gattung konfrontiert, die den Gesetzen einer unentwegten "Unterhaltungsindustrie" von gestern gehorcht. Mit "Meisterwerken", wie wir sie verstehen und wie sie in Mozart ihren höchsten Ausdruck fanden, sollte man die vielfältige Ware aus den neapolitanischen Archiven nicht gleichsetzen. Komponisten wie Scarlatti, Porpora, Leonardo Leo, Cimarosa, Paisiello, Jommelli oder Traetta mussten unermüdlich für Nachschub sorgen, um eine vergnügungssüchtige Gesellschaft mit theatralischem Stoff zu befriedigen. Es ging nicht um ausgefeilte Charakterisierung und Figurenpsychologie, sondern um eine - nach Kräften überraschende, nach Möglichkeit originelle - Darstellung von Typen und Situationen, ähnlich den heutigen TV-Serien oder Sitcoms.

Riccardo Muti hat von drei einst hochberühmten und viel beschäftigten Komponisten (Cimarosa im Vorjahr, Paisiello für die aktuellen, am Freitag begonnenen Pfingstfestspiele, Jommelli im kommenden Jahr) drei Werke aus schätzungsweise mehreren hundert Titeln ausgewählt. Schwer zu sagen ist deshalb, wie weit es sich dabei wirklich um überdurchschnittliche Treffer handeln kann. Der Publikumserfolg bei der Premiere im Salzburger Festspielhaus war jedenfalls durch allgemeines Entzücken gekennzeichnet.

Im Vergleich zum eher zähen "Don Calandrino" von Cimarosa zu Pfingsten 2007 ist die 1779 entstandende Buffa "Il matrimonio inaspettato" von Giovanni Paisiello (1740 - 1816) von durchaus angemessener, quirliger Frische. Das musikalische Gerüst, vom wiederum vorzüglich vorbereiteten und munter musizierenden Orchestra Giovenile Luigi Cherubini errichtet, erlaubt die Betätigung einer großteils behaglich dahinschnurrenden Musikmaschine, aus der beständig und eher kleinteilig hübsche, schlichte Melodien sprießen. Eine raffinierte Verarbeitung der Einfälle findet nicht statt. Gelegentlich trübt sich das Klangbild ein wenig melancholisch ein, wirft einen lyrisch empfindsamen Schatten über die stereotypen oder überzeichneten Figuren.

Es geht um eine prototypische Geschichte: Ein Bauer kommt wodurch auch immer zu Reichtum (was sich in seinem als Bühnenbild von Sergio Tramonti errichteten Haus noch nicht abzeichnet) und führt deshalb den Titel eines Marchese. Sein Sohn, der die Nachbarsbäurin liebt (die in einem zweiten, sehr ähnlich gebauten Haus wohnt), will von Vaters gehobenen Ambitionen nichts wissen. Und schon gar nichts davon, dass dieser ihm eine Gräfin von Sarzana zur Frau bestimmt und diese auch schon eingeladen hat. Pfiffig und gewitzt, wie die junge Bauersfrau Vespina ist, weiß sie den eingebildeten, eitlen Parvenu von nebenan mit einem Verkleidungsspiel hinters Licht zu führen und die echte Gräfin auszustechen. Da kann man sich leicht ausrechnen, dass eine derartige Intrige zu allerlei komischen Spielsituationen führt. Höhepunkt ist ein doppelter Fechtkampf von Vater und Sohn gegen leicht mit "Nachbarschaftshilfe" zu übertölpelnde Gegner, wodurch die Satisfaktion der Gräfin gewährleistet und ein Happy End ermöglicht ist. Der von unzähligen Ohrfeigen getroffene Sohn und die Jungbäurin heiraten regulär, Vater und Gräfin schließen den Lebensbund zweier Witwer in Form der titelgebenden "unerwarteten Heirat".

Diese Handlung hat Regisseur Andrea De Rosa sehr liebevoll ausgemalt und durchgestellt. Dem Problem, dass eigentlich nur drei handelnde Personen auftauchen, begegnet er durch eine Reihe von Komparsen in vornehmlich dienenden Rollen oder Chorpersonal als Volk regiehandwerklich geschickt. Wer mozartische Erkenntnisse (und Menschenkenntnis) erwartet, liegt falsch. Wer sich traditionsorientiert, also wie in guten, alten Opernzeiten, amüsieren und an problemlos schönen Bildern delektieren will, wird auf seine Rechnung kommen - je nachdem mehr oder minder bescheiden. Im Vergleich zum funktionslosen Dekor, das vor einem Jahr für Cimarosa errichtet worden ist, zeigt die pittoreske Ausstaffierung der Paisiello-Oper einen deutlich höheren Grad an Authentizität und Ehrlichkeit.

Riccardo Muti hat ohrenfällig mit Feuereifer an seinem zweiten neapolitanischen Opernprojekt gearbeitet. Das spielfreudige, pointiert zu Werke gehende, in vielen Kleinigkeiten farbig-virtuose Orchester erfreut das Ohr. Desgleichen tun dies die vorzüglich aufeinander eingespielten Stimmen und Figuren der Männer: Nicola Alaimo als Vater Marchese Tulipano und Markus Werba als Sohn Giorgino. Den leichten, witzigen, für die des Neapolitanischen Mächtigen wohl auch anzüglich-doppeldeutigen Parlandoton treffen die beiden spürbar exzellent. Mit Abstrichen wirkt Alessia Nadin als Vespina sympathisch, und Marie-Claude Chappuis als Gräfin wahrt als "Provinzadelige" dezent Distinktion. Der Salzburger Bachchor trägt zum malerischen Ambiente auch mit schönem Gesang bei.

In Salzburg gibt es noch eine (nicht ausverkaufte) Aufführung am Abend des Pfingstsonntag. Später wird die Inszenierung noch in Mutis Wohnheimat Ravenna, im Teatro Alighieri, zu sehen sein. Für solche Häuser ist eine derartige Oper wohl auch geschaffen - was der einhelligen Zustimmung in Salzburg dennoch nicht abträglich war.


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