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- Ein Glücksfall für die MET: ein
neuer Intendant und eine junge Stimme
retten die zu alt gewordene Metropolitan
Opera -

Generalmanager Peter
Gelb im Interview am 15. 12. 2007
Roméo
et Juliette ist eine Produktion,
die das Publikum umschmeichelt.
Ein Vehikel, das die Stars Anna
Netrebko und Roberto Alagna schillern
lässt.
Anna Netrebko ist für den schwärmenden
Opernchef eine absolut fantastische
Julia, weil sie das Publikum nicht
nur durch ihre Stimme, sondern auch
durch ihre schauspielerische Leistung
auf ihre Seite bringe. Und Leistung
ist in dieser relativ neuen Inszenierung
durchaus gefordert. Peter Gelb hatte
diese noch von seinem Vorgänger
aus der Spielzeit 05/06 geerbt.
Auf einer doppelten Drehbühne,
die zwei Planetenringe in doppelter
Richtung kreisen lässt, sind
die beiden Welten der zerstrittenen
Familien in Verona dargestellt.
Auf ihr wird gekämpft und geheiratet
- geliebt wird auf einem waghalsig
schwebenden Bett. Viel Effekt, zu
viel für Peter Gelb.
Ästhetisch entspricht die Inszenierung
also nicht gerade dem Geschmack
des neuen Mannes an der Spitze der
MET, aber auch er muss zugeben,
dass es dem Publikum gefällt.
Alle Aufführungen in dieser
Spielzeit sind ausverkauft. Charles
Gounod ist in New York ein Kassenschlager.
Die lyrischen Opern aus seiner Feder
stehen dort im Vergleich zu deutschen
Häusern häufiger auf dem
Spielplan. Immer gespickt mit Spitzensängern,
allen voran Placido Domingo, der
heute dirigiert, bis Ramon Vargas
und Natalie Dessay. Eine Mischung,
die das Stammpublikum liebt. Ein
Publikum, das aber meist sichtbar
die Pensionsgrenze überschritten
hat. Romeo und Julia lockt zwar
New Yorks alte Operngesellschaft,
aber noch nicht die Besucher, die
Peter Gelb händeringend sucht.
Peter
Gelb: Das Publikum ist alt geworden
über die Jahre. Tendenz steigend.
Um neue Zuschauer zu gewinnen und
gleichzeitig die alten zu halten,
sind Veränderungen unerlässlich.
Also muss man alle musikalisch so
zufriedenstellen, wie sie es in
der Vergangenheit waren und die
neuen mit Musik und Theater bedienen.
Und
damit ist der Retter einer alten
Kunstform, wie er sich selbst gern
sieht, wieder bei Anna Netrebko
und der neuen Sängergeneration.
Sie ist laut Gelb eines Opernmanagers
Traum. Eine perfekte, moderne Starsängerin,
die singen und spielen kann. Auch
wenn sie letzteres im ersten Akt
dieser Inszenierung etwas übertreibt.
Um neue, junge Opernfans zu locken
bedarf es auch neuer Regiegedanken.
Peter
Gelb: Wir suchen nach einem
Publikum das mit der MET wächst.
Wir brauchen eine neue Generation.
Die müssen nicht alle zwanzig
sein, vierzig wäre schon schön.
Worauf ich ziele, ist ein Publikum
aus anspruchsvollen Kulturnutzern,
von denen in NY und drumherum sehr
viele leben. Es gibt hunderttausende
von New Yorkern, die Kunst und Kultur
lieben und nicht zur MET gehen,
weil sie denken, es sei eine eindimensionale
Kunstform, die sie nicht unbedingt
interessiert. Also das Grundsätzliche,
was ich zu erreichen versuche, ist:
unser Repertoire durch moderne Inszenierungen
populärer zu machen. Sie sollen
die altmodischen Aufführungen
ersetzen, in denen Sänger einfach
herumstehen und singen. Oder wie
ein englischer Regisseur zu mir
sagte: "park and bark - parken
und bellen" (hinstellen und
singen d. Red.). Wenn das für
große Oper steht, dann gibt
es keine lebensfähige Zukunft
für sie.

Anna Netrebko und
Roberto Alagna in Roméo et Juliette
am 15. 12. 2007
Eine
Überzeugung, die auch Julia
alias Anna Netrebko teilt: Manches
sei doch leicht verstaubt, deswegen
müsse sich die Oper verändern.
In
der New Yorker "Roméo
et Juliette"-Vorstellung fühlt
sich die 36-jährige Russin
jedoch schon sichtbar wohl. Es ist
eine Rolle, die ihr nah ist.
Der
vor allem in Deutschland so gefeierte
Star, der nun auch in New York große
Erfolge feiert (das Magazin Musical
America wählte sie eben zum
Star des Jahres 2007), hat, ist
immer noch überrascht über
ihre großartige Karriere.
Sie mag das New Yorker Opernhaus
sehr, in dem sie 2002 als Natascha
in Prokofievs "Krieg und Frieden"
debütierte.
Wie MET-Generalmanager Peter Gelb
aber, hat sie sozusagen "ganz
unten" angefangen: Sie wischte
die Böden im St. Petersburger
Marinskij Theater, Gelb war als
Schüler Platzanweiser.
Dass sie nun Peter Gelb ausverkaufte
Vorstellungen in Serie liefert,
freut sie. Sie fest an die MET zu
binden war sicherlich ein wichtiger
Schachzug des 54-jährigen Operndirektors.
Im
Gegensatz zur Julia entstand bei
dieser "Roméo et Juliette"-Inszenierung
ein immenser Romeo-Verschleiß.
Roberto Alagna ist bis jetzt die
Nummer 4. Dieser lieferte dem verwöhnten
New Yorker Publikum ebenfalls einen
neuen Star.
Bei dem enormen Tenor-Verschleiß,
witzelte Dirigent Placido Domingo,
sei er wohl der einzige, der mit
Anna noch nicht im fliegenden Bett
war. Und er müsse ja leider
am Dirigentenpult stehen bleiben.
Die umworbene Julia nahm die große
Zahl der Liebhaber aber gelassen
hin.
Doch
es sind nicht nur die Stars, mit
denen der Intendant in seiner gerade
erst zweiten Spielzeit den Generationswechsel
an dem 3800 Plätze fassenden
Haus vollziehen will: auch neue
Regisseure braucht die MET - so
sein Credo.
Peter
Gelb: Die Regisseure, die ich
in den nächsten Spielzeiten
an die MET bringen werde, sind alle
am Erzählen von Geschichten
und am Schauspiel interessiert,
ohne dabei musikalische Einbußen
zu machen. Wenn irgendetwas die
Musik unterstützt, verstärkt,
wenn Sänger gut auf die Regie
reagieren, dann lieben es Sänger,
Schauspieler zu sein. Dazu passt
die Art jener, die jetzt kommen.
So wie Thomas Ostermeier von der
Berliner Schaubühne.
Gelb
will ihn noch dieses Jahr für
ein Projekt nach Manhattan locken.
Schauspiel-
und Filmgrößen an Theatern
Regie führen lassen ist nicht
so revolutionär. Eine bewährte
Methode, die etwa die Berliner Staatsoper
längst angewendet hat.
Mary Zimmerman hat an der MET Lucia
di Lammermoor herausgebracht. Zahm,
mit konservativem Bühnenbild,
aber einer hervorragenden Führung
der Sänger. Natalie Dessay
war eine wahnsinnig gute Lucia und
die Inszenierung ein Riesenerfolg.
Sie ist auch schon bis in den März
hinein ausverkauft. Adrian Noble,
der Intendant der "Royal Shakespeare
Company" debütierte mit
Verdis "Macbeth" Ende
Oktober - eine düstere, aber
konservative Fassung.
Peter
Gelb: Wir haben, da die MET
so konservativ ist, nicht das Problem,
neue Regieideen suchen zu müssen,
die so anders sind, dass sie den
Faden der Geschichte verlieren,
oder das vergessen, was der Opernkomponist
wollte. Ich weiß, in Deutschland
ist es sehr modern, mehr als das,
es wird erwartet, ein sehr starkes
Konzept zu haben. Mein Konzept ist
nur, dass es großes Theater
sein muss - und das heißt
nicht unbedingt, dass es anders
sein muss, um des Andersseins willen.
Besonders in diesem Haus, dessen
Produktionen so konservativ, so
altmodisch waren, können wir
in den nächsten Jahren wohl
frohgemut überleben, wenn wir
Inszenierungen haben, die originell
sind, aber schauspielerisch der
Geschichte treu bleiben.
Peter
Gelb ist hörbar skeptisch,
was die deutsche Inszenierungspraxis
angeht. Provokation ist ein rotes
Tuch für sein Publikum. Nacktheit
etwa im prüden Amerika, selbst
im lockeren Manhattan kaum vorstellbar,
für die Zuschauer aus der reichen
Upper West und der noch gediegeneren
Upper East Side. Und genau die darf
er nicht verprellen, zahlen sie
doch nicht nur die teuersten Eintrittspreise,
sondern sind auch die potentiellen
Spender, ohne die der Kulturbetrieb
Metropolitan Opera keine Chance
hätte. Im Gegensatz zur deutschen
Subventionierungspraxis muss Peter
Gelb seinen Haushalt zu 98% aus
Einnahmen und Spenden bestreiten.
Aber dem ehemaligen Sony Classical
Direktor geht es auch ums Prinzip.
Peter
Gelb: Ohne notwendigerweise
andere Inszenierungen kritisieren
zu wollen, wobei die MET selbst
einige Produktionen hat, die es
wert sind kritisiert zu werden:
Ich glaube nicht an den Wert der
Provokation, um der Provokation
willen. Ich glaube, dass es viel
härter und viel herausfordernder
ist, und es sogar einer noch größeren
Kreativität bedarf, originell
ohne provokativ zu sein. Provokativ
zu sein ist manchmal ein wenig zu
einfach. Wissen Sie, einen von der
Geschichte entgegengesetzten Ansatz
zu wählen ist eher eine Entschuldigung
für fehlende Kreativität.
Es ist schwer, wirklich brillant
und wahrheitsgemäß mit
einem Stoff umzugehen. Ich denke,
das beste Beispiel dafür war
Anthony Minghellas "Madame
Butterfly". Er präsentiert
seine Butterfly als ein japanisches
Theaterstück - extrem abstrakt.
Aber das ist nicht provokativ, sondern
er konzentriert sich wirklich auf
diese hochdramatische Geschichte.
Ein Bühnengeschehen darf nicht
vom Inhalt ablenken, und das gilt
auch für Wagner (Anspielung
auf Schlingensief-Inszenierung des
"Parsifal" 2004??), selbst
für Verdi. Regisseure müssen
erst schauen, wie sie die Geschichte
erzählen, bevor sie anfangen
eine andere Geschichte zu erzählen.
Und
es gilt für Rossini: "Der
Barbier von Sevilla" - eins
der letzten "park-and-bark"-Stücke
im verstaubten MET-Repertoire -
ist in der Neuinszenierung eine
flott erzählte Geschichte,
in der die Sänger nicht nur
Orangen fangen müssen, sondern
sicherlich auch Spaß am Spiel
haben. Dazu kommen sie den Zuschauern
näher als je zuvor.
Peter
Gelb: Wir gehen über die
normale Bühne hinaus, und das
Geschehen findet sogar im Orchestergraben
beim Dirigenten statt. - Das gab
es hier noch nie.
Was,
um noch mal auf die Berliner Staatsoper
zurückzukommen, nun wahrlich
nichts spektakulär Neues ist.
Aber die New Yorker Opernkritiker
haben die Holzplanken über
dem Orchestergraben gefeiert, die
Barriere zwischen Publikum und Bühne
sei gesprengt. Gesprengt hat die
Inszenierung auf jeden Fall alle
Erwartungen, was den Besucheransturm
angeht. Sie ist ein Hit, ein Kinoerfolg,
wurde der "Barbier" doch
genau wie die "Roméo
et Juliette"-Aufführung
live und in HD-Qualität auf
Leinwände rund um die Welt
projiziert. Auch eine Neuerung,
die Peter Gelb einführte und
offensiv verkauft, mit Erfolg auch
in deutschen Lichtspieltheatern.
Laut MET haben allein den "Barbier"
rund 60.000 Menschen im Kino gesehen.
324.000 Kinokarten sind in der ersten
Übertragungsspielzeit 06/07
verkauft worden. Tendenz massiv
steigend. Der Opernchef geht davon
aus, dass bei den diesmal mehr als
8 Übertragungen mehr Menschen
im Kino sitzen, als bei allen 225
Aufführungen im großen
Haus am Lincoln Center zusammen.
Peter
Gelb: Zu unseren Medien- und
Inszenierungsplanungen versuchen
wir mehr Topsänger für
längere Zeit hier zu verpflichten.
Topsänger wollen in Neuinszenierungen
singen. Es ist eine Herausforderung
für sie. So jemand wie Anna
Netrebko kann sicher sein, eine
neue Produktion pro Jahr hier zu
bekommen. Dafür singt sie sogar
noch eine andere Rolle zusätzlich.
Und alle unsere neuen Multimedia-Pläne
sind eine weitere Attraktion für
große Sänger, denn wer
hier auf der Bühne singt, erreicht
die Welt. Nicht nur über unsere
Radioübertragungen, wie wir
sie seit Jahren machen, sondern
auch durch HD-Übertragungen
in Filmtheater oder via Internet.
Ab
und an ist Peter Gelb aber auch
ganz froh, dass manche Stücke
aus teils ungeliebtem Erbe nicht
bebildert übertragen werden,
sondern nur im guten alten Dampfradio.
Peter
Gelb: Wissen Sie, worüber
man sich keine Sorgen machen muss
bei den Radioübertragungen?
Es ist das Regiekonzept. Sie können
es nicht sehen. Sie hören nur.
Und
das seit 1931, auch wenn der Jahrzehnte
lange Sponsor Texaco abgesprungen
ist. Die MET-Macher haben auch für
die zahlreichen Radioübertragungen
neue Unterstützung aufgetrieben.
Die Zahl der Live-Ausstrahlungen,
zumindest in den USA, wurde dank
des Satellitenradios und deren neuen
Klassikwellen massiv erhöht.
Aber nichts ersetzt das Original,
das Erlebnis unter dem goldenen
Opernhimmel der Metropolitan Opera.
Ob "Lucia di Lammermoor"
auf dem Times Square, oder "Roméo
et Juliette" im Radio und Kino,
das alles sind für Peter Gelb
nur Appetitanreger, Werbung für
sein Haus und Teil seines Versuches,
die Qualität anzuheben.
Peter
Gelb: Es mag die Norm in Europa
sein, aber alles was anders ist
als gewohnt, wird als bemerkenswert
betrachtet. Was ich hier tue, mit
all meinen Initiativen, ob es die
Eröffnung einer neuen Kunstgalerie
hier im Hause, offene Generalproben,
oder Live-Übertragungen in
Kinos, - dies alles sind für
mich natürliche, allgemeingültige
Ideen, über die man nachdenken
muss, wenn man eine Kunstform am
Leben erhalten will. Aber keine
dieser Ideen ist ein Ersatz für
Qualität, sie sind Steigerungsmittel.
Und
das hat sich offenbar gelohnt, die
Zuschauerzahlen wachsen, ausverkaufte
Vorstellungen haben keinen Seltenheitswert
mehr. Karten für Aufführungen
mit Netrebko, Fleming, Voigt oder
Dessay zu bekommen, ist fast aussichtslos.
Wie man sieht, sind es vor allem
Frauen, die die Ränge füllen.
Mehr Zuschauer über das Stammpublikum
hinaus führen, so der Intendant,
automatisch zu einer Verjüngung
des Publikums. Aber auch ungewöhnliche
Maßnahmen zeigen Erfolg.
Peter
Gelb:
Ein Vorstandsmitglied hat 2 Mio.
Dollar für ein Last-Minute-Programm
gespendet. Sie kauft jeden Abend
von Montag bis Freitag 200 Karten
für 100 Dollar Parkettsitze
auf und wir geben sie für 20
Dollar weiter. Das sind die Programme,
die wir früher nicht hatten,
die aber notwendig sind, um heute
an ein neues Publikum zu kommen.
Das
Ruder des großen alten Tankers
am Hudson hat der neue Kapitän
kräftig gedreht. Der schwere
Apparat geht langsam auf neuen Kurs.
Aber bis der Opernbesucher wirklich
mitbekommt, wie die Handschrift
von Peter Gelb aussieht, muss er
sich noch anderthalb Spielzeiten
gedulden. Im Moment wickelt der
Chef nur ab, kann nur äußerst
begrenzt in den Spielplan eingreifen.
Er
habe nicht den Luxus europäischer
Intendanten, hätte sich und
die Oper nicht 3 bis 4 Jahre im
Voraus auf sein künstlerisches
Programm vorbereiten können.
Immerhin hat er die Zahl der Premieren
in seiner noch kurzen Amtszeit von
4 auf 7, in der nächsten Saison
sogar auf 8 verdoppelt. Er plant
für seine erste selbständige
Amtszeit einen vollständigen
neuen Ring. 2007/08 gab es neben
"Lucia di Lammermoor"
und "Macbeth" als Premieren
z.B. noch "Iphigenie auf Tauris"
und am Heiligabend "Hänsel
und Gretel". Hänsel und
Gretel wird erstmals in NY auf Englisch
gesungen. Mit Engelbert Humperdinck
begann übrigens auch am 25.
Dezember 1931 die Tradition dieser
Radioübertragungen, auch wenn
die Technik damals nur die Ausstrahlung
von größeren Ausschnitten
erlaubte. Die erste ganz live gesendete
Oper war "Tristan und Isolde"
zwei Jahre später.
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